Auch wenn es wehtut: Es gibt Gerichte nicht ohne Grund – Kommentar

Beeindruckt blickte die Welt letzte Woche nach Norwegen, wo ein fairer, rechtsstaatlicher Prozess gegen den 77-fachen Mörder Anders Behring Breivik zu Ende ging. Das Gericht war der Maxime gefolgt, die Premier Jens Stoltenberg nach den Anschlägen vor einem Jahr formuliert hatte: Das norwegische Volk werde an seinen Werten festhalten.

Zur selben Zeit schaute Österreich auf einen anderen Verbrecher: Ein Gericht hatte einem verurteilten Vergewaltiger eine Fußfessel gewährt. Sein Opfer wandte sich an die Justizministerin und die Medien. „Er muss doch büßen für das, was er mir angetan hat“, sagte es im Interview mit Österreich.

Sein Ansinnen ist nachvollziehbar, ebenso die öffentliche Empörung über die milde Strafe. Und doch weist die Kampagne des Boulevards in eine gefährliche Richtung. Wenn Paparazzi in den Garten des Täters hineinfotografieren, wenn in dessen Umfeld Flugblätter mit unverpixelten Fotos verteilt werden, ist es nicht mehr weit bis zur Selbstjustiz – wie in Deutschland, wo Neonazis vor den Häusern entlassener Sexualstraftäter nach dem Galgen rufen.

Gerade weil wir alle solchen Tätern insgeheim das wünschen, was sie ihren Opfern antaten, ist das staatliche Strafmonopol so eine große Errungenschaft: Ein unbefangener Richter, nicht das Opfer oder das „gesunde Volksempfinden“ soll eine angemessene Strafe verhängen.

Auch die Justiz irrt manchmal, Kritik an ihr ist legitim. Doch wenn der Boulevard das Opfer und dessen Kritik für seine Hetze instrumentalisiert, dann wird eine zivilisatorische Grenze überschritten; dann bewegen wir uns in Richtung Selbstjustiz. Norwegen zeigt, dass es auch anders geht.

Falter, 29.8.2012

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