Wie Bolsonaro Kahlschlag in der Bildung betreibt

Was an manchen Unis geschehe, sei ein “Saustall”, sagt der Bildungsminister des rechtsextremen brasilianischen Präsidenten Bolsonaro. Drastische Kürzungen im Bildungsbudget sind beschlossen – und der Präsident beleidigt Betroffene, die dagegen protestieren.

Bildung? Wird überbewertet, findet Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro. Seine Regierung hat beschlossen, das Budget dafür um 7,3 Milliarden Real zu kürzen – umgerechnet 1,6 Milliarden Euro. Betroffen sind sämtliche Bereiche in Bildung und Wissenschaft: Kitas, Schulen und auch die universitäre Forschung.

Die Folgen sind für manche Brasilianer bereits spürbar. Den öffentlichen Schulen im Land fehlten ohnehin schon Lehrer und Infrastruktur, sagt die Portugiesisch-Lehrerin Elaine, 28: An der Schule, an der sie unterrichte, könnten sie und ihre Kolleginnen etwa nicht drucken, “das ist schon lange so und wird sich jetzt noch verschlimmern”.

Auch die Studentin Camila Rodrigues, 26, ist betroffen. Weiterlesen auf Spiegel Online

Spiegel Online, 22. Mai 2019

“Es mussten erst mal Frauen sterben”

Herzinfarkt kriegen nur Männer, und Mädchen sind wehleidiger als Jungs? Die Gendermedizinerin Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione erforscht,
wie Geschlechter-Stereotype der Heilung von Krankheiten im Weg stehen

Frau Dr. Oertelt-Prigione, Anfang des Jahres kam eine Studie der Universität Yale heraus. Für die sahen Versuchspersonen ein Video, in dem jemand einem kleinen Kind in den Finger sticht – der einen Hälfte wurde das Kind als Samuel präsentiert, der anderen Hälfte als Samantha …

SABINE OERTELT-PRIGIONE: … und die Erwachsenen nahmen Samanthas Schmerzen weniger ernst als Samuels.

Genau. Hat Sie das überrascht?

Nicht wirklich. Es zeigt die Stereotype, die unsere Gesellschaft prägen und damit auch die Medizin. Wir wissen zum Beispiel, dass Frauen bei unklaren Diagnosen häufiger zum Psychologen oder zur Psychiaterin geschickt werden als Männer. Das hat mit den Rollenbildern und Vorurteilen der Ärzte und Ärztinnen zu tun, aber auch mit der Art, wie Männer und Frauen kommunizieren und ihre Symptome beschreiben. In vielen Bereichen der Medizin gibt es aber auch tatsächlich biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Herzinfarkte äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern und werden deshalb später erkannt.

Auch Asthma wird bei Mädchen oft später diagnostiziert als bei Jungs. Umgekehrt wird bei Männern die Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes später erkannt, weil ihre Haut sich nicht auf dieselbe Art verändert. Ein Grund dafür ist, dass wir Ärztinnen und Ärzte aus dem Medizinstudium gewisse Bilder mitnehmen ­– von Krankheiten und von den Menschen, die sie haben: Eine Autoimmunerkrankung etwa hat in den Lehrbüchern fast immer eine Frau, einen Herzinfarkt ein Mann. Und Osteoporose hat eine Frau nach der Menopause – dabei ist davon auch ungefähr jeder dritte Mann über 70 betroffen. Erst seit wir begonnen haben, spezifisch darauf zu achten, wie Krankheiten beim jeweils anderen Geschlecht aussehen, erkennen wir solche untypisch verlaufenden Erkrankungen überhaupt.

Sie haben lange am Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Berliner Charité gearbeitet, dem ersten seiner Art in Deutschland. Es wurde 2003 gegründet. Wieso ist man erst so spät darauf gekommen, dass es medizinisch relevante Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt?

Weil erst mal Frauen sterben mussten. Bis Ende der 1990er Jahre dachte man, junge Frauen können keine Herzinfarkte haben. Dann sah man: Doch, sie haben Herzinfarkte, und sie sterben öfter daran als Männer. Es stellte sich heraus, dass viele Arzneimittel bei Frauen mehr Nebenwirkungen haben, zum Teil tödliche. So kamen amerikanische Kardiologinnen auf die Idee, die Geschlechter im Vergleich zu betrachten. Bis dahin waren Frauen aus klinischen Studien für Medikamente ausgeschlossen.

Warum denn das?

Eine Folge der Contergan-Tragödie. Nachdem man die Effekte von Contergan auf ungeborene Kinder gesehen hatte, wollte man keine Studien mehr an Frauen riskieren, die potenziell schwanger sein könnten. Das führte aber dazu, dass Frauen Arzneimittel bekamen, die nur an Männern getestet waren.

Wie reagieren Ärzte heute auf Ihre Forschung?

Unterschiedlich. Die meisten haben sich nie damit befasst. Bei den Jüngeren sehe ich mehr Offenheit als bei den Etablierten, in Holland mehr als in Deutschland. Aber wir sind schon weiter als vor zehn Jahren. Weil die ersten Gendermedizinerinnen zum großen Teil aus der Kardiologie kamen, ist das Thema bis heute mit ihr verbunden. Jetzt beginnen auch andere Fachgebiete, sich damit zu befassen, die wichtigste europäische Fachgesellschaft für Krebsforschung etwa hat im November einen Workshop dazu veranstaltet. Förderinstitutionen, etwa die EU, verlangen, dass man Geschlechteraspekte bei der Forschung berücksichtigt. Das heißt: Viele müssen sich nun danach richten, auch wenn sie es für Quatsch halten – und finden womöglich etwas. Das ist der beste Weg, diese Fachleute zu überzeugen.

Das Ärzteblatt fragte 2016 an deutschen Medizin-Fakultäten nach, inwieweit das Thema in den Lehrplänen vorkommt. Das Ergebnis: kaum.

Gendermedizin einzuführen ist ein Veränderungsprozess. Es tut sich langsam etwas, nur leider nicht systematisch. Gibt es an einer Fakultät eine Person, die das Thema wichtig findet, dann wird es gelehrt; geht die Person in Pension, ist es wieder weg. Eigentlich müsste das in die nationalen Lehrkataloge einfließen, aber im Föderalismus ist das schwierig.

Solange nicht alle für das Thema sensibilisiert sind – was raten Sie Frauen für den Arzt/Ärztin-Besuch?

Fragen Sie nach: „Brauche ich als Frau bei diesem Medikament eine andere Dosis, gibt es da einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?“ Wenn Ärzte immer wieder danach gefragt werden, müssen sie sich damit auseinandersetzen. Nimmt Ihre Ärztin Ihre Schmerzen nicht ernst, suchen Sie sich jemand anderen. Patientinnen sind oft sehr treu und scheuen davor zurück, eine zweite Meinung einzuholen – aber wenn man dieselben Beschwerden immer wieder hat, sollten sie untersucht werden.

Was kann eine Frau tun, wenn sie in einer Akutsituation als wehleidig abgetan wird?

Da hat man nicht viele Möglichkeiten. Versuchen, sich Gehör zu verschaffen – nicht durch Herumschreien, sondern durch ruhiges Insistieren, auch wenn das in solchen Situationen schwierig ist. Hilfreich ist, eine zweite Person mitzunehmen, die für einen eintreten kann: „Meine Freundin ist normalerweise nicht wehleidig, da stimmt etwas nicht, bitte gucken Sie nochmal.“ Normalerweise steckt nicht böse Absicht dahinter, sondern Überlastung. Die meisten Ärztinnen und Ärzte machen ihren Job ja, um Menschen zu helfen.

Brigitte, 17. Juni 2019

Erst schwanger, dann ohne Job

Firmen dürfen bereits zugesagte Verträge nicht absagen, weil die Kandidatin schwanger ist. Trotzdem klagen nur wenige Frauen, wenn ihnen so etwas widerfährt. Warum?

Wäre Annika Wittmann nicht so ehrlich gewesen, sie hätte heute einen Job. Aber ihr Chef stand kurz vor einem längeren Urlaub, und seine Rückkehr wollte sie nicht abwarten, obwohl ihr neuer Arbeitsvertrag noch nicht unterschrieben war. “Ich wusste, wenn er wiederkommt, habe ich schon einen Bauch”, sagt sie, “das wäre mir unangenehm gewesen, und ich hätte es unfair gefunden.”

Als der Chef in ihr Büro kommt, um den Beginn ihres neuen Vertrags zu besprechen, nutzt sie also die Gelegenheit. Sie erzählt ihm, dass sie schwanger ist, und erklärt gleich auch ihre Pläne: Dass sie nach dem gesetzlichen Mutterschutz sofort wiederkommen will, dass sie also von den 15 Monaten Vertragslaufzeit nur drei Monate ausfallen wird, dass sie ja ohnehin nur Teilzeit arbeitet und das Kind auch einen Vater hat. Der Chef, so erzählt Wittmann, reagiert anders als erwartet: “Er hat herumgedruckst, ich müsse ja für das Kind da sein”, sagt sie, “eine Frau müsse zu Hause beim Kind sein, erst recht in den ersten drei Jahren.”

Ein paar Tage später erkundigt sich Wittmann bei der Personalreferentin nach dem Stand der Dinge. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Online, 23. Mai 2019

Die Zeit des Redens ist vorbei

Der Trend, mit Rechten den Diskurs zu suchen, kippt in die gegenteilige Richtung. Warum?

Die letzten zwei Jahre waren die Zeit des Redens mit Rechten. Das fast gleichnamige Buch von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn erschien im Oktober 2017, inzwischen liegt es in fünfter Auflage in den Läden. Schon im Juni 2017 brachte Zeit Online unter dem Titel „Deutschland spricht“ in einem aufwändigen Verfahren Menschen mit entgegengesetzten politischen Haltungen zum Diskutieren zusammen. An der zweiten Ausgabe des Formats im September 2018 beteiligten sich elf Medienhäuser – auch die Süddeutsche Zeitung – und mehr als 8000 Diskutanten. Nach dem Aufstieg der AfD waren die politisch Interessierten des Landes sich einig: Die Gesellschaft ist zu stark gespalten, wir müssen aus unseren Filterblasen heraus und mit Andersdenkenden ernsthaft debattieren – Linke mit Rechten, Flüchtlingshelfer mit „besorgten Bürgerinnen“, Gendersternchen-Schreiberinnen mit Antifeministen –, auch wenn das mühsam ist.

Und jetzt?

Im November 2018 forderten Prominente wie der Musiker Smudo über den Hashtag #unfollowme Rechte auf, sie in sozialen Medien zu entfolgen. Stille statt Diskussion. Weiterlesen auf jetzt.de

jetzt.de, 3. März 2019

Wenn Erasmus doch nicht die beste Zeit des Lebens ist

Auslandssemester bedeuten nicht immer nur Spaß, sondern für viele auch absolute Einsamkeit. Was dann?

Die geilste Zeit deines Lebens! Eintauchen in eine neue Kultur! Freunde aus der ganzen Welt! Party bis zum Abwinken! So sieht ein Auslandssemester in der Vorstellung der meisten aus. Was aber, wenn die Realität da nicht mitspielt?

Marie hatte sich keine Sorgen gemacht, bevor sie nach England flog. Sie hatte ja nach dem Abi ein Jahr als Au-pair dort verbracht, sich schnell eingelebt und Freunde gefunden. Wieso sollte sie drei Jahre später im Auslandssemester Probleme haben? Doch dann kam es anders: Weiterlesen auf jetzt.de

jetzt.de, 24. Februar 2019

 

“Armut macht mürbe”

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig in Hamburg. Das bleibt ein abstrakter Satz, bis man mit Hans Berling spricht, der seit fast 30 Jahren mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Jenfeld arbeitet.

Eines von fünf Kindern in Hamburg lebt von Hartz IV. In Jenfeld sind es doppelt so viele. Hans Berling kennt viele von ihnen. Er ist seit 23 Jahren Geschäftsführer der Jenfelder Kaffeekanne, eines Nachbarschaftszentrums mit Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendarbeit.

DIE ZEIT: Herr Berling, was haben Sie von den Kindern, die Sie in den letzten 30 Jahren betreut haben, über Armut gelernt?

Hans Berling: Für die Kinder und Jugendlichen ist Armut kein großes Thema. Die Kinder bei uns im Haus kommen zu 90 Prozent aus Familien, die Hartz IV beziehen oder ergänzende Leistungen, weil die Eltern zu wenig verdienen. Aber die Kinder haben nicht das Gefühl: Wir sind benachteiligt, wir haben kein Geld, wir sind arm. Arm sind für sie vielleicht Kinder in afrikanischen Ländern, wenn das gerade im Fernsehen kam. Mit Fragen nach ihrer Armut können sie nichts anfangen. Weil sie gar keinen Vergleich haben. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 18. Oktober 2018

Im Irrgarten der Paragrafen

Kassenpatienten, die eine Psychotherapie brauchen, müssen darauf meist lange warten. Jetzt wird auch noch das letzte Schlupfloch zur Falle für die Kranken.

Ein Papierkrieg ist belastend – erst recht, wenn man durch eine psychische Krankheit angeschlagen ist. Noch quälender wird er, wenn man um eine Therapie für ebendiese Krankheit kämpft. Und besonders bitter ist es, wenn man in diesen monatelangen Papierkrieg nur aus einem Grund hineingeraten ist: weil man hoffte, sich monatelanges Warten zu ersparen.

In einem solchen Kampf steckt Vera Wieland* seit bald einem Jahr. Die 29-Jährige leidet unter einer Essstörung und Depressionen, im Herbst 2017 war sie deswegen drei Monate lang in einer Klinik. Seither ringt sie mit ihrer Krankenkasse um die Kosten für eine Psychotherapie, die sie stabilisieren soll. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 18. Oktober 2018