„Autistische Menschen können überall arbeiten“

Autistische Menschen haben oft Schwierigkeiten im Umgang mit anderen, zeigen ihre Gefühle kaum oder sind von zu vielen Reizen überfordert. Doch wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können sie in vielen Bereichen gut arbeiten, sagt Sally Maria Ollech. Sie ist Co-Geschäftsführerin von Diversicon, einem Sozialunternehmen, das Coachings für diese Menschen anbietet und sie auch an Firmen vermittelt.

ZEIT ONLINE: Frau Ollech, warum sollten Vorgesetzte autistische Menschen einstellen?

Sally Maria Ollech: Viele Autistinnen und Autisten sind hoch qualifiziert. Das Unternehmen gewinnt also eine Fachkraft und wird zugleich vielfältiger. Ich bin überzeugt, dass verschiedene Perspektiven auf Themen und Produkte im Unternehmensalltag zu besseren Ergebnissen führen. Allerdings sollte das Umfeld stimmen, damit Autistinnen und Autisten gut arbeiten können. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Online, 20. November 2019

„Es mussten erst mal Frauen sterben“

Herzinfarkt kriegen nur Männer, und Mädchen sind wehleidiger als Jungs? Die Gendermedizinerin Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione erforscht,
wie Geschlechter-Stereotype der Heilung von Krankheiten im Weg stehen

Frau Dr. Oertelt-Prigione, Anfang des Jahres kam eine Studie der Universität Yale heraus. Für die sahen Versuchspersonen ein Video, in dem jemand einem kleinen Kind in den Finger sticht – der einen Hälfte wurde das Kind als Samuel präsentiert, der anderen Hälfte als Samantha …

SABINE OERTELT-PRIGIONE: … und die Erwachsenen nahmen Samanthas Schmerzen weniger ernst als Samuels.

Genau. Hat Sie das überrascht?

Nicht wirklich. Es zeigt die Stereotype, die unsere Gesellschaft prägen und damit auch die Medizin. Wir wissen zum Beispiel, dass Frauen bei unklaren Diagnosen häufiger zum Psychologen oder zur Psychiaterin geschickt werden als Männer. Das hat mit den Rollenbildern und Vorurteilen der Ärzte und Ärztinnen zu tun, aber auch mit der Art, wie Männer und Frauen kommunizieren und ihre Symptome beschreiben. In vielen Bereichen der Medizin gibt es aber auch tatsächlich biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Herzinfarkte äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern und werden deshalb später erkannt.

Auch Asthma wird bei Mädchen oft später diagnostiziert als bei Jungs. Umgekehrt wird bei Männern die Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes später erkannt, weil ihre Haut sich nicht auf dieselbe Art verändert. Ein Grund dafür ist, dass wir Ärztinnen und Ärzte aus dem Medizinstudium gewisse Bilder mitnehmen ­– von Krankheiten und von den Menschen, die sie haben: Eine Autoimmunerkrankung etwa hat in den Lehrbüchern fast immer eine Frau, einen Herzinfarkt ein Mann. Und Osteoporose hat eine Frau nach der Menopause – dabei ist davon auch ungefähr jeder dritte Mann über 70 betroffen. Erst seit wir begonnen haben, spezifisch darauf zu achten, wie Krankheiten beim jeweils anderen Geschlecht aussehen, erkennen wir solche untypisch verlaufenden Erkrankungen überhaupt. Weiterlesen »

„Armut macht mürbe“

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig in Hamburg. Das bleibt ein abstrakter Satz, bis man mit Hans Berling spricht, der seit fast 30 Jahren mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Jenfeld arbeitet.

Eines von fünf Kindern in Hamburg lebt von Hartz IV. In Jenfeld sind es doppelt so viele. Hans Berling kennt viele von ihnen. Er ist seit 23 Jahren Geschäftsführer der Jenfelder Kaffeekanne, eines Nachbarschaftszentrums mit Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendarbeit.

DIE ZEIT: Herr Berling, was haben Sie von den Kindern, die Sie in den letzten 30 Jahren betreut haben, über Armut gelernt?

Hans Berling: Für die Kinder und Jugendlichen ist Armut kein großes Thema. Die Kinder bei uns im Haus kommen zu 90 Prozent aus Familien, die Hartz IV beziehen oder ergänzende Leistungen, weil die Eltern zu wenig verdienen. Aber die Kinder haben nicht das Gefühl: Wir sind benachteiligt, wir haben kein Geld, wir sind arm. Arm sind für sie vielleicht Kinder in afrikanischen Ländern, wenn das gerade im Fernsehen kam. Mit Fragen nach ihrer Armut können sie nichts anfangen. Weil sie gar keinen Vergleich haben. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 18. Oktober 2018

Wie kontert man sexistische Stammtischsprüche?

Frauen wollen ja gar keine Führungspositionen.“ „Mittlerweile werden Männer diskriminiert.“ „Der Gender Pay Gap ist ein Mythos.“ „Ich bin für Humanismus, nicht Feminismus.“ Und natürlich: „Sei nicht so sensibel!“. Sprüche wie diese kennt wohl jede Frau. Aber wie kann man ihnen begegnen?
Diese Frage will das Buch „No More Bullshit – Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten“, herausgegeben vom österreichischen Frauennetzwerk „Sorority“, beantworten. Verschiedene Autoren und Autorinnen setzen sich in dem poppig gestalteten Buch mit 15 Stammtischparolen auseinander: mal mit nützlichem Faktenwissen, mal mit mehr oder weniger witzigen Rants oder Forderungskatalogen an jene, die so ein Buch sowieso nie lesen würden.
Melinda Tamás ist Forscherin und Trainerin in Wien. Sie beschäftigt sich unter anderem mit politischer Bildung und Antidiskriminierung, bietet Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen an. Sie schrieb ein Kapitel von „No More Bullshit“, in dem es darum geht, wann und wie man dumme Sprüche kontern soll und kann.

jetzt: Melinda, wann musstest du zum letzten Mal selbst einen sexistischen Spruch abwehren?
Melinda Tamás:
Vor einem Jahr habe ich eine neue Stelle bekommen, auf die ich sehr stolz war, eine Leitungsfunktion in einem Weiterbildungsinstitut. Ein männlicher Kollege dort hat zu mir gesagt, er freue sich sehr, dass ich hier arbeite, weil er jetzt endlich was Schönes zum Anschauen habe.

Wie hast du reagiert?
Ich war ziemlich perplex. Ich habe dann benannt, dass ich das sexistisch finde, und habe es später auch Kolleginnen erzählt, um das Problem aufzuzeigen. Aber es war schwierig – ich war neu an diesem Institut, der Kollege war schon länger dort. Weiterlesen auf jetzt.de

jetzt.de, 25. November 2018

„Was stellst du dich so an?“

Noch immer fällt es vielen Soldaten schwer, über psychische Probleme zu reden. Ein Gespräch mit Hamburgs oberstem Bundeswehr-Psychiater Helge Höllmer über die Gorillakultur der Truppe, sexualisierte Gewalt und ein großes Tabu in Militär und Gesellschaft.

Interview: Atilla-Filipe Cevik und Ruth Eisenreich

Helge Höllmer trägt eine weiße Uniform statt eines weißen Kittels, an seiner Bürotür hängt eine Feldbluse in Flecktarn. Höllmer leitet die psychiatrische Klinik des Bundeswehrkrankenhauses in Hamburg Wandsbek. Er ist Oberstarzt, seine Erklärung für Militärlaien: „Oberstarzt ist eins unterm General.“ Er sei EDK, sagt Höllmer noch. Edeka? „Ende der Karriere.“ Höher hinaus kann ein klinisch tätiger Arzt bei der Bundeswehr nicht kommen – Höllmer muss sich mit niemandem mehr gutstellen, er kann frei reden. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 27. September 2018

„Menschen wie Sie haben keine Ahnung“

Die Sexarbeiterin Josefa Nereus ist wütend: Sie findet das seit einem Jahr geltende Prostituiertenschutzgesetz verlogen. Der Hamburger Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg hat es mit auf den Weg gebracht. Er hält es für notwendig. Ein Streitgespräch.

Von Ruth Eisenreich und Luisa Hommerich

Vor einem Jahr ist das umstrittene Prostituiertenschutzgesetz in Kraft getreten. Marcus Weinberg, der frauenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat das Gesetz mit entwickelt, die Sexarbeiterin Josefa Nereus ist davon direkt betroffen. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 5. Juli 2018

Der Deutsche auf dem Flüchtlingsboot

Der deutsche Reporter Wolfgang Bauer hat Syrer auf ihrem Weg über das Mittelmeer begleitet – und landete in Innsbruck in U-Haft. Ich habe für meine letzte Falter-Ausgabe mit Bauer gesprochen, hier eine Langversion des Falter-Textes.

Schulter an Schulter liegen die Menschen auf dem kalten Betonboden des ägyptischen Gefängnisses, Männer, Frauen, Kinder, das Jüngste fünf Jahre alt, aus den Nebenräumen dringen die Schreie von Gefolterten. Mittendrin liegt Wolfgang Bauer, 43, Journalist aus dem beschaulichen süddeutschen Städtchen Reutlingen. Es ist der Endpunkt einer Reise, wie sie Europäer sonst höchstens aus Erzählungen kennen. Neun Tage später wird Bauer von Ägypten nach Deutschland abgeschoben.

Täglich kommen derzeit neue Asylwerber in Europa an, viele tausend sind in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken. Wir kennen die Fotos von überfüllten Booten, von Särgen. Wir diskutieren darüber, welcher Staat, welches Bundesland wie viele Asylwerber aufnehmen soll, wie sie versorgt werden sollen. Aber was passiert, bevor diese Menschen bei uns landen – wie sie auf ihre Boote kommen, wie ihre Reise verläuft, welche Gefahren ihnen drohen – das weiß kaum jemand.

Wolfgang Bauer, Reporter der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, hat es gemeinsam mit dem tschechischen Fotografen Stanislav Krupar ausprobiert.Weiterlesen »