Helfe ich, oder gefährde ich?

Wie kann man zu älteren Menschen Abstand halten, wenn der eigene Beruf darin besteht, ihnen nahe zu kommen? Über Altenpflege in außergewöhnlichen Zeiten

Peter Kubik und Renate Schober sind ein eingespieltes Team. Er, mobiler Pfleger, 30 Jahre alt, gegelter Undercut, weißes Polohemd mit Rotkreuz-Logo. Sie, 95 Jahre alt, geistig noch fit, körperlich nicht mehr so. Zweimal pro Woche besucht er sie in ihrem Haus in Trumau im Wiener Speckgürtel, er hilft ihr beim Ausziehen und in die Duschkabine hinein, schrubbt ihr den Rücken, hilft ihr wieder aus der Dusche heraus. „Was gibt’s Neues in Trumau?“, fragt er, während er Hautcreme zwischen seinen Händen verreibt. „Eigentlich gar nix“, antwortet Frau Schober, sie steht vor dem Waschtisch und hält sich daran fest. „Meine Tochter ist schon hysterisch wegen dem Virus: Mama, dass’d ja niemandem ein Bussl gibst, du gehörst zur Risikogruppe.“ Peter Kubik cremt Frau Schobers Rücken ein. Ganz unrecht habe die Tochter nicht, wendet er ein. „Bei der Influenza sind viel mehr Leute gestorben“, sagt Frau Schober. Ein Blick zur Reporterin, sie frotzelt: „So, jetzt den BH. Beim Ausziehen tut er sich leichter, glaub ich.“

Es ist Mittwoch, der 11. März, die Corona-Krise rollt schon an, am Vortag hat die Regierung große Veranstaltungen verboten und die Schließung der Universitäten angekündigt. Aber noch ahnt kaum jemand, wie massiv das Virus das Leben in Österreich bald verändern wird. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 26. März 2020

Trump, Strache und die tote Katze

Die Diskursforscherin Ruth Wodak erklärt die rhetorischen Tricks von Rechtspopulisten und was dagegen hilft

Donald Trump, Jair Bolsonaro, Boris Johnson: In aller Welt gewinnen rechtspopulistische und rechtsradikale Politiker Wahlen. Auch in Deutschland dominiert die AfD gesellschaftliche Debatten. Wie gelingt ihnen das, und warum wirken ihre politischen Gegnerinnen und Gegner oft so hilflos? Die Sprachwissenschaftlerin und Diskursforscherin Ruth Wodak, 69, kennt die Antworten.

ZEIT Campus: Frau Wodak, seit Jahren werden an Stammtischen und in den Medien die Themen der Rechten diskutiert: Migration, innere Sicherheit, „der Islam“. Woran liegt das?

Ruth Wodak: Dahinter steckt ein Muster: Rechte provozieren einen Skandal, andere Politikerinnen und Personen des öffentlichen Lebens müssen dazu Stellung nehmen. Wenn etwa der AfD-Chef Tino Chrupalla erklärt, der Begriff „Umvolkung“ sei nicht rechtsextrem, oder wenn sein Vorgänger Alexander Gauland den Nationalsozialismus einen „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte nennt, passiert das nicht zufällig. Diskutieren dann alle über die Aussage, können die Provokateure die Debatte umdefinieren.

ZEIT Campus: Was bedeutet das?

Wodak: Alle werfen ihnen ihren Tabubruch vor. Dann sagen sie etwa, sie seien falsch zitiert worden, sie stellen sich als Opfer einer Kampagne dar – bis zur nächsten Provokation. So treiben die Rechten die anderen Parteien und die Medien vor sich her. Andere Agenden werden abgedrängt. Ich bezeichne das als „rechtspopulistisches Perpetuum mobile“. Und weil sich das Muster sonst totläuft, werden die Sprüche immer krasser und aggressiver. Diese Dynamik muss durchbrochen werden. Weiterlesen auf Zeit Campus Online

Zeit Campus, 11. Februar 2020

Studierende fordern auf einer Demonstration in São Paulo auf einem Transparent zur Verteidigung der Geisteswissenschaften auf

Schwachköpfe!

So beschimpft Brasiliens rechtsextremer Präsident Bolsonaro die Studenten. Er sieht die Universitäten als Hort der Linken und bestraft sie mit rigidem Sparkurs

Sabine Righetti hat schon einiges gesehen an den brasilianischen Universitäten. Gänge, die dunkel bleiben, weil das Budget der Uni keine neuen Glühbirnen mehr hergibt; Professorinnen, die den Müll wegbringen, weil das Reinigungspersonal eingespart wurde. Einmal, sagt Righetti, habe ein Biologe sie in sein Labor eingeladen, das zwei Jahre zuvor bei einem Gewitter überschwemmt worden war. „Die Geräte waren kaputtgegangen“, erzählt Righetti. Bis heute seien viele nicht repariert, der Kollege arbeite nun theoretisch.

Righetti ist Politikwissenschaftlerin und Bildungsforscherin, sie sitzt in einem Konferenzraum an der Unicamp, der Landesuniversität von Campinas im Bundesstaat São Paulo, wo sie lehrt. Es ist ruhig, ein später Vormittag am Semesterende. Die Kürzungen der Uni-Budgets begannen 2014, erzählt Righetti, noch unter der linken Präsidentin Dilma Rousseff, als Brasilien in eine Wirtschaftskrise rutschte. „2016 dachte ich: Jetzt sind wir am Grund des Brunnens angekommen – seither wurde es jedes Jahr schlimmer.“ Als dann der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro im Januar sein Amt antrat, habe sich noch einmal etwas verändert. „Jetzt kommt zu den Finanzproblemen ein Ton der Bedrohung“, sagt Righetti. Weiterlesen auf Zeit Online

Die Zeit, 5. Dezember 2019

„Autistische Menschen können überall arbeiten“

Autistische Menschen haben oft Schwierigkeiten im Umgang mit anderen, zeigen ihre Gefühle kaum oder sind von zu vielen Reizen überfordert. Doch wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können sie in vielen Bereichen gut arbeiten, sagt Sally Maria Ollech. Sie ist Co-Geschäftsführerin von Diversicon, einem Sozialunternehmen, das Coachings für diese Menschen anbietet und sie auch an Firmen vermittelt.

ZEIT ONLINE: Frau Ollech, warum sollten Vorgesetzte autistische Menschen einstellen?

Sally Maria Ollech: Viele Autistinnen und Autisten sind hoch qualifiziert. Das Unternehmen gewinnt also eine Fachkraft und wird zugleich vielfältiger. Ich bin überzeugt, dass verschiedene Perspektiven auf Themen und Produkte im Unternehmensalltag zu besseren Ergebnissen führen. Allerdings sollte das Umfeld stimmen, damit Autistinnen und Autisten gut arbeiten können. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Online, 20. November 2019

Erst schwanger, dann ohne Job

Firmen dürfen bereits zugesagte Verträge nicht absagen, weil die Kandidatin schwanger ist. Trotzdem klagen nur wenige Frauen, wenn ihnen so etwas widerfährt. Warum?

Wäre Annika Wittmann nicht so ehrlich gewesen, sie hätte heute einen Job. Aber ihr Chef stand kurz vor einem längeren Urlaub, und seine Rückkehr wollte sie nicht abwarten, obwohl ihr neuer Arbeitsvertrag noch nicht unterschrieben war. „Ich wusste, wenn er wiederkommt, habe ich schon einen Bauch“, sagt sie, „das wäre mir unangenehm gewesen, und ich hätte es unfair gefunden.“

Als der Chef in ihr Büro kommt, um den Beginn ihres neuen Vertrags zu besprechen, nutzt sie also die Gelegenheit. Sie erzählt ihm, dass sie schwanger ist, und erklärt gleich auch ihre Pläne: Dass sie nach dem gesetzlichen Mutterschutz sofort wiederkommen will, dass sie also von den 15 Monaten Vertragslaufzeit nur drei Monate ausfallen wird, dass sie ja ohnehin nur Teilzeit arbeitet und das Kind auch einen Vater hat. Der Chef, so erzählt Wittmann, reagiert anders als erwartet: „Er hat herumgedruckst, ich müsse ja für das Kind da sein“, sagt sie, „eine Frau müsse zu Hause beim Kind sein, erst recht in den ersten drei Jahren.“

Ein paar Tage später erkundigt sich Wittmann bei der Personalreferentin nach dem Stand der Dinge. Weiterlesen auf Zeit Online

Zeit Online, 23. Mai 2019