Der letzte Zeuge

In Österreich kennt ihn jedes Schulkind. Auch wegen seines schwarzen Humors. Marko Feingold ist 103 Jahre alt, hat den Holocaust überlebt. Nun kämpft er gegen Antisemitismus – und ist selbst nicht frei von Vorurteilen.

 

Als Marko Feingold 100 Jahre alt wurde, hat er sich vorgenommen, nur noch einmal am Tag öffentlich aufzutreten. Zu viele Vorträge, zu viele Interviews. Mittags wird er dann oft müde. Aber manchmal hilft es nichts. Die Zeiten sind gerade nicht danach, dass einer wie er ruhen könnte.

Und so steht er an einem eisigen Morgen Anfang Dezember am Milchglasfenster der Salzburger Synagoge und schaut abwechselnd nach draußen in den Vorgarten und auf die von einem Davidstern umrandete Uhr an der Wand. Die Uhr zeigt 9.32 Uhr. Die Schulklasse sollte jetzt da sein, ist sie nicht. In einer Stunde muss Feingold aber schon zum Zug, nach Wien zur Sitzung des antifaschistischen Vereins, in dessen Vorstand er sitzt. Wer sich die Weltlage anschaut, ahnt, dass es viel zu besprechen gibt. Weiterlesen bei Blendle

Der Tagesspiegel, 18.12.2016

Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Marianne Schwarzmüller arbeitete zunächst für die Nazis, dann diente sie dem demokratischen Bayern. Sogar an der Entstehung der Verfassung war sie beteiligt.

Als die Zeitungen und die „Wochenschau“ noch vom Endsieg fantasierten, da wusste Marianne Schwarzmüller schon, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Täglich las die junge Frau Anfang der Vierzigerjahre die „Feindpresse“ – die Times, den Figaro, die Prawda. Nicht heimlich, sondern offiziell im Auftrag des Dritten Reichs. Mit 16 Jahren hatte sie im März 1941 ihre Stelle als Stenotypistin in der „Nachrichtenstelle“, also der Propaganda-Abteilung, der bayerischen Landesregierung angetreten. „Ich bin überhaupt nicht gefragt worden“, sagt sie, „die haben mich ausgesucht.“

Vier Jahre lang arbeitete Schwarzmüller für die Nazis. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in München am 30. April 1945 endete diese Phase ihres Lebens – aber nicht ihre Arbeit für die bayerische Regierung. Ihr ganzes Berufsleben, nach Kriegsende noch fast 40 Jahre, sollte sie in der Staatskanzlei bleiben, die Entstehung der bayerischen Verfassung miterleben und die Beratungen über das Grundgesetz; als sie in Rente ging, hieß ihr oberster Vorgesetzter Franz Josef Strauß. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 29.4.2015

Eine Art Nachruf

„Ein Rotwein und ein Mineral von draußen, Herr Porgesz? Die Karte brauchen Sie nicht, oder?“ Nein, nicht nötig. Die Schrift der Speisekarte ist zu klein für Jancsi Porgesz, da hilft auch keine Brille mehr. Aber das Angebot des Restaurants am Stadtrand von Wien hat er sowieso im Kopf. Das Hirschragout bitte, aber mit Petersilkartoffeln statt Serviettenknödeln, mit viel Saft und extra Brot. Geduldig notiert der Kellner die Sonderwünsche des langjährigen Stammgastes. Beinahe fünfzig Jahre ist es her, dass Porgesz zum ersten Mal hier war. Äußerlich hat er sich wenig verändert: Anzug, Pullunder, Krawatte, damals wie heute. Nur die große, eckige Brille mit dem dunklen Rahmen, die seine Erscheinung so lange prägte, ist verschwunden, und die Geheimratsecken haben sich zu einer Halbglatze ausgedehnt. Nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren kam Porgesz immer häufiger ins Restaurant, mittlerweile isst er täglich hier zu Mittag. Mit 91 Jahren sucht Porgesz keine Abwechslung mehr – davon hatte er in seinem Leben genug.Weiterlesen »

Die Akademie der Verdrängenden Künste

Nationalsozialisten als Ehrenmitglieder, die Büste eines Nazi-Dichters vor dem Gebäude, Hakenkreuze am Boden der Aula: Hat die Akademie der Bildenden Künste ihre Rolle im Nationalsozialismus ausreichend aufgearbeitet?

„Die kommissarische Führung der Akademie hat zu ihrem größten Befremden wahrgenommen, daß der Schillerplatz als Aufenthaltsort für die Juden freigegeben wurde. Ausgerechnet unter unserem Schillerdenkmal, welches jeden volksbewußten Deutschen mit Ehrfurcht vor unserem größten Dichter gemahnt, sitzen jetzt tagsüber auf den Bänken dichtgedrängt die unliebsamen Fremden.“. Das schreibt die Leitung der Akademie der Bildenden Künste im Dezember 1938 an Hanns Blaschke, Wiener Vizebürgermeister und Leiter des Kulturamts, und fordert: „Schillerplatz soll judenfrei werden.“ Weiterlesen »