Wieder auf Anfang

Mit winzigem Vorsprung hat der Grüne Van der Bellen Österreichs Präsidentenwahl gewonnen. Die unterlegene FPÖ ficht das Ergebnis nun an – mit guten Chancen.

Was hatten sie gebangt und gezittert, die Österreicher und mit ihnen das politisch interessierte Europa. Exakt 50 : 50 stand es am Abend der Stichwahl um das Bundespräsidentenamt. Mit dieser Unsicherheit mussten die Österreicher schlafen gehen, erst am nächsten Nachmittag gab es ein Ergebnis – und nun könnte das Zittern und Bangen von vorne beginnen. Denn die weit rechts stehende FPÖ, deren Kandidat Norbert Hofer schließlich hauchdünn unterlag, hat den zweiten Wahlgang der Bundespräsidentenwahl angefochten. Am Montag begann die mindestens viertägige Zeugenvernehmung vor dem Verfassungsgerichtshof in Wien, 90 Zeugen sollen gehört werden.Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 21.6.2016

 

Herrschaft der Alten – Kommentar

Hätten nur die jungen Wähler abstimmen dürfen, gäbe es keinen Brexit. Europas Bevölkerung vergreist, immer öfter bestimmen die Alten. Die Jungen müssen besser für ihre Interessen werben. Ein Kommentar

Hätten an diesem Donnerstag in Großbritannien nur die Jungen abstimmen dürfen, die zwischen 18 und 49 Jahren, hätte es diese Fernsehbilder gegeben: Menschen mit blau-gelben Europaflaggen umarmen sich, Politiker in Berlin und Brüssel strahlen, eine klare Mehrheit hat für „Remain“ gestimmt, das Vereinigte Königreich bleibt in der EU. Doch das Referendum ging anders aus. Entschieden haben das vor allem die Alten. Mit den Folgen müssen vor allem die Jungen leben. Der Brexit ist der Sieg der über 50-Jährigen über die Interessen der Generationen nach ihnen. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 25.6.2016

A belated fight

Ireland has the EU’s strictest abortion laws. Now, resistance is growing.

(A translation of this piece for the German daily paper “Süddeutsche Zeitung”. The trip to Ireland was made possible through a grant by the Karl Gerold Foundation.)

Tara Flynn makes a living off being funny. She writes columns and books, she acts in comedy series, she’s being invited to radio shows. But at her most important public appearance in recent months, on a sunny autumn afternoon in a park in Dublin, her voice broke, and nobody laughed. It was the start of the March for Choice, a pro-choice demonstration. „I had an abortion“, Tara Flynn said. „I am not a murderer. I am not a criminal.“ With her appearance, she put herself at the forefront of a fight that has long been settled in most of Europe, yet is only just starting in Ireland.Weiterlesen »

Später Kampf

Nirgendwo in Europa sind die Abtreibungsgesetze so scharf wie in Irland. Jetzt wächst der Widerstand. Zu Besuch bei Aktivisten.

Tara Flynn lebt vom Witzigsein. Sie schreibt Kolumnen und Bücher, spielt in Comedyserien mit, wird in Radioshows eingeladen. Aber bei ihrem wichtigsten Auftritt der vergangenen Monate, in einem kleinen Park in Irlands Hauptstadt Dublin, da lachte niemand, und Flynn brach die Stimme weg. „Ich habe abgetrieben“, sagte sie zum Auftakt des March for Choice, einer Demonstration für das Recht auf Abtreibung. „Ich bin keine Mörderin, ich bin keine Kriminelle.“ Sie stellte sich mit ihrem Auftritt an die Spitze eines Kampfs, der im Großteil Europas längst entschieden ist und in Irland gerade erst beginnt. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 31.3.2016
Die Recherchereise für diesen Text wurde von der Karl-Gerold-Stiftung bezahlt.

 

Bei Krankheit Abschiebung

Hunderttausende Migranten leben ohne Papiere in Deutschland. Werden Sie krank, trauen sie sich kaum zum Arzt – und gehen dabei ein hohes gesundheitliches Risiko ein.

Da war zum Beispiel der 13-Jährige, der einfach verschwand. Tagelang hatte er Bauchschmerzen und Fieber, die Familie versuchte es mit Wärmflasche und Schmerztabletten, dann endlich brachte der Vater ihn ins Krankenhaus, erzählt der Kinderarzt Alex Rosen. Diagnose: Schwere Blinddarmentzündung. Der Junge wurde notoperiert. „Nach der Operation kann einiges schiefgehen“, sagt Rosen, „deshalb liegt man noch ein paar Tage im Krankenhaus und bekommt Antibiotika.“ Aber einen Tag später war der Junge weg. „Er hatte wohl Angst, dass am nächsten Tag die Polizei mit Stempelkissen für die Fingerabdrücke vor der Tür steht“, sagt Rosen. „In anderen Krankenhäusern kommt das vor.“

Dann hätte der ganzen Familie die Abschiebung gedroht. Denn der Junge war ein undokumentierter Migrant. So nennt man Menschen, die ohne Wissen der Behörden in Deutschland leben – weil sie heimlich eingereist sind, weil sie bleiben, wenn ihr Visum abläuft oder weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Hunderttausende Menschen ohne Papiere leben Schätzungen zufolge in Deutschland, darunter bis zu 30 000 Kinder, manche sind hier geboren. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 13.5.2016

Norbert Hofer – der Sanfte mit dem rechten Kern

Der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ hat einen Überraschungserfolg erzielt und geht als Favorit in die Stichwahl für das Präsidentenamt in Österreich. Hofer gibt sich gern gemäßigt – doch das täuscht völlig.

War das eine Drohung? „Sie werden sich wundern, was alles gehen wird“, sagte Norbert Hofer bei einer Diskussion im ORF über die Kompetenzen des österreichischen Bundespräsidenten. Es dauerte nicht lang, bis ein Grünen-Abgeordneter ein Video postete, in dem die Aussage mit Passagen aus einer Wahlkampfrede zusammengeschnitten wurde. Darin kündigt Hofer unter anderem an, als Präsident die Bundesregierung abzusetzen, wenn ihr Kurs ihm nicht passt. „Nichts und niemand wird uns aufhalten können“, sagt der Kandidat der weit rechts stehenden FPÖ am Ende des Clips mit ernstem Gesicht und dunkler Stimme. Das Video ist mit düsterer Musik untermalt, es klingt apokalyptisch.

Nun ist Hofer tatsächlich auf dem besten Weg dazu, der erste blaue Bundespräsident Österreichs zu werden. In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl schaffte er laut vorläufigem Gesamtergebnis mit 35,1 Prozent überlegen den ersten Platz. Aber wer ist dieser Mann? Weiterlesen auf sueddeutsche.de

sueddeutsche.de, 25.4.2016

 

Willkommen in Bodenmais

Zwölf Wellnesshotels buhlen in der Bayerwaldgemeinde um Gäste. Aber die bringen kaum Geld in den Ort.

Auf dem Türschild steht „Ruheraum Parkblick“. Aber wer Ende April hier aus dem Fenster schaut, der sieht draußen rohe Betonwände und zwei Kräne vor dem Bayerwald aufragen. Drinnen cremefarbene Wände, von der Decke hängen Rattanliegen, es ist so still, dass man die Uhr ticken hört. Ein Paar flüstert. Von draußen dringen gedämpft die Geräusche der Baustelle ans Ohr. Das „Wellness & Spa Resort“ Mooshof, Kategorie Vier Sterne Superior, baut an. Wieder einmal. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 23.4.2016