Was den nächsten Aylan Kurdi retten könnte

Lässt sich das Sterben auf dem Mittelmeer denn gar nicht verhindern? Ansätze, das Problem zumindest zu lindern, gibt es sehr wohl.

Das Foto hat sich eingebrannt: Ein kleiner Junge am Strand, auf dem Bauch liegend, halb im Wasser, die Arme verdreht. Aylan Kurdi, drei Jahre alt, Syrer, gestorben beim Versuch, in einem Boot von der Türkei nach Griechenland überzusetzen. Einer von 2700 Flüchtlingen und Migranten, die der Internationalen Organisation für Migration zufolge allein seit Anfang des Jahres im Mittelmeer ertrunken sind; in den Jahren 2000 bis 2014 waren es mindestens 22 400.

Betroffen und ohnmächtig reagieren die meisten Menschen auf solche Zahlen, solche Bilder. Was kann der Einzelne schon tun? Auch Angela Merkel, François Hollande und ihre Kollegen in den Regierungsbüros der EU-Staaten geben sich betroffen und ohnmächtig; wer ihnen zuhört, muss es fast für ein Naturgesetz halten, dass Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer ertrinken. Dabei hätten die Mächtigen in der EU durchaus Möglichkeiten, den Tod vieler weiterer Aylan Kurdis zu verhindern. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

sueddeutsche.de, 9.9.2015

Ein Land wird ausgehöhlt

Irland hat die Wirtschafts- und Finanzkrise angeblich gut überstanden – aber dabei eine Generation junger, kreativer Menschen verloren

Vor ein paar Tagen hat Joe Byrne mit Freunden gefrühstückt. Sie machen das regelmäßig, früher trafen sie sich in Dublin, heute sitzen sie vor ihren Computern, die Webcams eingeschaltet: Brenda in Kanada, Luke in Hongkong, Sinéad in Moldawien und Joe daheim in Irland. Ungefähr ein Drittel seiner Freunde, sagt Byrne, habe in den vergangenen fünf Jahren das Land verlassen.

Irland gilt als Staat, der gut durch die Wirtschaftskrise gekommen ist; als Beispiel dafür, dass die von Europäischer Union (EU), Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) verordnete Sparpolitik funktioniert. Tatsächlich hat sich die Wirtschaft des Landes nach einem massiven Einbruch leicht erholt. Aber seit Beginn der Krise im Jahr 2008 wandern junge Menschen in Scharen aus – und kommen oft nicht wieder … Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 3.8.2015

Wie wir ticken

„Das hervorstechendste Merkmal des Lebens unserer Zeit ist zweifellos sein Tempo – das, was wir seine Eile nennen könnten, die Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen, der Hochdruck, unter dem wir arbeiten.“

William Rathbone Greg, 1877

Für einen SZ-Schwerpunkt zum Thema „Tempo“ habe ich gemeinsam mit den Digital- und Video-KollegInnen das Digitalprojekt gestaltet – zu finden unter sz.de/tempo.

Bei Trauma: Abschiebung

Ihre Freundin auf der Straße zu küssen, war für Kyabangi Onyango lange unvorstellbar. In ihrem Heimatland Uganda steht auf Homosexualität lebenslange Haft. Die deutschen Behörden wollen die lesbische Frau trotzdem dorthin abschieben

Die Worte, die Kyabangi Onyango ins Gefängnis bringen könnten, klingen biblisch. „Fleischliche Kenntnis einer anderen Person gegen die Ordnung der Natur“, Artikel 145a, Strafe: lebenslange Haft. „Versuch, widernatürliche Delikte zu begehen“, Artikel 146, Strafe: sieben Jahre Haft.

  Es sind Worte aus dem ugandischen Strafgesetzbuch, sie haben Onyango, 35, bunt gestreifter Pulli, Jeans, raspelkurze Haare, aus ihrem Land getrieben. Jetzt sitzt sie mit einigen anderen Frauen in der Bar der Münchner Lesbenberatung Letra, in jeder Hinsicht ziemlich weit entfernt von einem ugandischen Gericht. Bier und Fritz-Cola auf den Tischen, Lounge-Musik. Onyango, deren echter Name zu ihrem Schutz nicht in der Zeitung stehen soll, begrüßt andere Frauen mit Umarmungen, „lange nicht gesehen“, sagt sie auf Deutsch. Was hier passiert, das hätte Onyango sich früher nicht vorstellen können: Dass sich hier lesbische Frauen treffen, nicht heimlich, sondern ganz offen. Dass sie sich nicht schämen für ihre Liebe. Dass sie sich auf der Straße küssen, wenn sie wollen. Und dass sie dafür nicht verhaftet, nicht verprügelt, nicht vergewaltigt werden.

  In Onyangos Heimatland Uganda ist Homosexualität strafbar, Gewalt gegen Lesben und Schwule alltäglich. Das deutsche Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und das Bayerische Verwaltungsgericht wollen Onyango dorthin abschieben. Sie haben ihren Asylantrag abgelehnt, schon in zweiter Instanz. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 19.5.2015

Radikale Hügeljugend

Israel ist entsetzt über nationalreligiöse Siedler, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Die Atmosphäre ist aufgeheizt – nun will die Regierung gegen jüdische Terrorgruppen härter durchgreifen.

In Jerusalem wird ein 16-jähriges Mädchen bei einer Homosexuellen-Parade erstochen, im Westjordanland stirbt ein 18 Monate alter palästinensischer Junge bei einem Brandanschlag. Die Täter sind offenbar Menschen, die sich als gläubige Juden sehen, sich aber um die zehn Gebote nicht scheren. Als Israels Präsident Reuven Rivlin die Anschläge scharf kritisiert, erhält er Morddrohungen.

Der Jerusalemer Täter kommt aus einer anderen Strömung in der israelischen Gesellschaft als die mutmaßlichen Brandstifter. Er ist wohl ein Einzeltäter, erst vor Kurzem wurde er aus dem Gefängnis entlassen: Schon 2005 hatte er bei der Gay Pride Parade drei Menschen verletzt. Er ist ein Charedi, ein Ultraorthodoxer. Die Charedim machen Schätzungen zufolge knapp zehn Prozent der Bevölkerung aus und leben – ob in Israel oder außerhalb – in abgeschotteten Gemeinschaften streng nach den jüdischen Gesetzen. Traditionell lehnten sie den Staat Israel ab, weil die Juden ihrer Ansicht nach das gelobte Land erst nach der Ankunft des Messias wieder in Besitz nehmen dürften. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 6.8.2015