Sparen auf die Artischocken

Undine Zimmer wuchs in einer Hartz-IV-Familie auf und erklärt, warum Armut nicht nur ein Geldproblem ist

Wie leben Menschen, die trotz aller Bemühungen keinen fixen Job finden? Wie bringen sie mit wenigen hundert Euro im Monat ihre Familie durch? Und was passiert mit Kindern, die in solchen Verhältnissen aufwachsen?

Die Öffentlichkeit diskutiert gern über Armut, über Langzeitarbeitslosigkeit und darüber, ob Beihilfen wie die österreichische Mindestsicherung und das deutsche Hartz IV zu lax oder zu strikt gehandhabt werden. Aber die, die diskutieren, sind Politiker und Sozialforscher. Nur selten kommen Betroffene zu Wort, und so bleibt deren Lebenswelt für den Rest der Gesellschaft ein fremdes Universum voller Stereotypen.

Undine Zimmer hat dieses Universum hinter sich gelassen. Die Eltern langzeitarbeitslos und Hartz-IV-Bezieher, die 1979 geborene Tochter hat studiert und war 2012 mit ihrem Text “Meine Hartz-IV-Familie”, entstanden während eines Praktikums beim Zeit Magazin, für den renommierten Henri-Nannen-Preis nominiert. Jetzt hat sie aus dem Essay ein Buch gemacht. Es ist ein sehr persönliches Buch. Read More »

Brasilien für Anfänger und Fortgeschrittene

Zwei neue Bücher liefern Einblicke in das von Gegensätzen geprägte Leben in Rio de Janeiro

Mitten im Trubel des Karnevals von Rio wartet ein Mann auf seine Geliebte und dreht vor Eifersucht durch. Eine junge Frau versucht sich mit einem unehelichen Kind durchzuschlagen. Ein Rio-Besucher nimmt eine Prostituierte mit aufs Hotelzimmer, die eigentlich ein Mann ist. Eine alte Frau irrt in einem unterirdischen Labyrinth unter dem Maracaña-Stadion herum (das in drei Jahren über unsere Fernsehbildschirme flimmern wird, wenn dort die nächsten Olympischen Spiele eröffnet werden). Read More »

Eine Nische ohne Paprika

Mit ihrem Kleinverlag wollen Zsóka und Paul Lendvai unbekannte ungarische Literatur auf Deutsch zugänglich machen

“Nein, Pali!“, ruft Zsóka Lendvai. “Das war eine dumme Idee!“ Bevor ihr Mann ausplaudert, welchen Namen sie ursprünglich für ihren Kleinverlag vorgeschlagen hat, sagt sie es doch lieber selbst: “Paprika Verlag“ wollte sie ihn nennen.

Ihr Mann Pali, das ist der bekannte Publizist und Osteuropaexperte Paul Lendvai. Er war gegen den Namen Paprika und hat sich durchgesetzt: Der Verlag, den Zsóka Lendvai gegründet hat, heißt jetzt Nischen Verlag. Und die Namensentscheidung war richtig, denn mit Paprika-Csárdás-Gulasch-Klischees haben die Werke, die der Nischen Verlag herausgibt, wenig zu tun. Read More »

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur. Read More »

Von Köpfen und Herzen

Schenya schüttelt den Kopf. „Ich darf nicht mit Juden spielen“, sagt er. (…) „Wer sind Juden eigentlich?“, frage ich und streiche lustvoll über die nach Farben geordneten Buntstifte. „Ich glaube, ich hab sie mal im Fernsehen gesehen. Die singen und tanzen sehr lustig und haben so geschlitzte Augen, oder?“ Meine Mutter legt den Pinsel weg und setzt sich sehr gerade auf. „Nein, mein Schatz“, sagt sie bestimmt. „Juden, das sind wir.“

Nicht dass diese Entdeckung Mischka, die Protagonistin von Julya Rabinowichs autobiografisch gefärbten Debütroman Spaltkopf, besonders beeindrucken würde. Viel wichtiger für sie sind: ihre Familie und deren alte Geheimnisse, ihr Gefühl der Entwurzelung nach der überraschenden Flucht aus Russland, ihre Suche nach der eigenen Identität. In achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen und einem lapidaren Tonfall schildert Rabinowich das Leben Mischkas von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Read More »

Von Strebern, Faulenzern und richtig harten Typen

Nur noch zwei Monate bis zu den Ferien – Zeit, Sommerlektüre zu suchen. Wer fürchtet, dass ihn am Strand die Nostalgie nach dem Studentenleben packen könnte, der kann in der Welt der Bücher weiter darin schwelgen.

Wien – 9.00 Uhr: aufstehen, waschen, frühstücken. 10.30: zurück ins Bett. 12.00: ab auf die Uni, Freunde treffen. 14.00: mittagessen, 15.00: zurück ins Bett, lesen. 20.00: ausgehen: Der Tagesablauf der namenlosen Hauptfigur von At Swim-Two-Birds (1939), dem ersten Roman des irischen Autors Flann O’Brien, mag vielen Studenten bekannt vorkommen.

Was O’Briens Protagonist im Bett liest, ist nicht bekannt – für die faulen Ferientage heutiger Studenten hat der UniStandard Romane aus der Welt der geschwänzten Seminare und abendlichen Eskapaden gesammelt.

Ist Flann O’Briens Student nicht gerade mit Nichtstun beschäftigt, schreibt er an einem Roman über einen Mann, der – wenn er nicht gerade mit Nichtstun beschäftigt ist – an einem Roman schreibt und mit dessen weiblicher Hauptfigur einen Sohn zeugt, der sich gegen ihn auflehnt, indem er wiederum einen Roman über ihn schreibt. Verwirrend? Ja, aber – wenn man es skurril mag und über manche Langatmigkeit hinwegsehen kann – sehr witzig.

Wer es lieber hart als lustig mag, ist bei American Psycho -Autor Bret Easton Ellis gut aufgehoben. Clay, der Held und Erzähler seines Debütromans Less Than Zero (1985), kommt in den Uni-Ferien in seine Heimatstadt Los Angeles zurück, wo sich seine reichen, gelangweilten Freunde ihre Zeit mit Partys, Sex (Clay: “Ich öffne meine Speisekarte und tu so, als würde ich mir was aussuchen. Dabei überlege ich, ob ich wohl mit Raoul geschlafen habe. Der Name kommt mir bekannt vor.”), Drogen und Gewalt vertreiben. Szenen wie die, in der ein Mädchen vergewaltigt wird, sind allerdings nichts für empfindliche Mägen.

Akademiker und Owezahrer

Wer die Party- und Nichtstunphase hinter sich gelassen hat und sich als ernstzunehmender Wissenschafter versucht, wird sich mit den Figuren in den “campus novels” des englischen Literaturwissenschafters David Lodge identifizieren können. Mit Persse McGarrigle zum Beispiel, dem schüchternen Doktoranden aus Small World (1984), der auf einer Konferenz seine Traumfrau trifft. Um sie wiederzufinden, begibt er sich auf eine Odyssee um die halbe Welt (inklusive Abstecher nach Wien) und trifft dabei die skurrilsten Figuren, die der akademische Betrieb zu bieten hat.

Die weite Welt ist zu weit weg, die 80er zu lange her? Wer Wiener und Salzburger Lokalkolorit will, kann zu Martin Amanshausers Erdnussbutter (1998) greifen. Der namenlose Ich-Erzähler des Romans, ein gescheiterter Soziologie-Student, verstrickt sich bei der WG-Suche in ein Netzwerk aus skurrilen Gestalten mit mysteriösen und nicht immer ungefährlichen Geheimplänen. In einer saloppen Sprache voll eigenwilliger Metaphern (“Die schlechte Luft stand aufrecht wie ein salutierender Polizist”) erzählt Amanshauser eine schräge Krimiparodie mit einem noch schrägeren Ende.

Auch Charlie Kolostrum aus Thomas Glavinics Wie man leben soll (2004) ist nicht gerade ein übereifriger Student: Statt zu lernen, denkt er lieber an Essen und Sex und liest Ratgeberliteratur, in deren Stil auch seine Abenteuer beschrieben sind (“Merke: Den Eindruck, den alltägliche und unbefangene Intellektualität macht, sollte man nicht unterschätzen”).

Auch wer sich in den Ferien am Kanon der Weltliteratur abarbeiten möchte, muss nicht ohne Studenten auskommen: Rodion Raskolnikow aus Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Stephen Dedalus aus James Joyces Ulysses und A Portrait of the Artist as a Young Man sind ebenso Studenten wie Shakespeares Hamlet

Der Standard, 5.5.2011