Wie wir ticken

„Das hervorstechendste Merkmal des Lebens unserer Zeit ist zweifellos sein Tempo – das, was wir seine Eile nennen könnten, die Geschwindigkeit, in der wir uns bewegen, der Hochdruck, unter dem wir arbeiten.“

William Rathbone Greg, 1877

Für einen SZ-Schwerpunkt zum Thema „Tempo“ habe ich gemeinsam mit den Digital- und Video-KollegInnen das Digitalprojekt gestaltet – zu finden unter sz.de/tempo.

Die Schande von Pavillon 15

Noch in den 80er Jahren wurden am Ort der Nazi-Morde am Steinhof behinderte Kinder misshandelt. Eine Kinderkrankenschwester bricht ihr Schweigen

An ihrem ersten Arbeitstag wäre Elisabeth Pohl am liebsten davongelaufen. Es ist der 9. Dezember 1981, sieben Uhr früh, als die junge Frau in ihrem weißen Schwesternkittel ins Badezimmer von Pavillon 15 der Baumgartner Höhe tritt. Zehn Kinder liegen vor ihr, nackt, manche auf grünen Sportmatten, andere direkt auf den kalten Fliesen. Die Schwestern, Pohls neue Kolleginnen, heben die Kinder in die Badewanne und wieder heraus, trocknen sie mit einem Leintuch ab, stecken sie in blaue Latzhosen und binden ihnen die Arme an den Körper. Das Badewasser wechseln sie nur selten.

Elisabeth Pohl ist geblieben, fünf Jahre lang. Jetzt, drei Jahrzehnte später, erzählt sie erstmals von ihren Erlebnissen. Sie hat in den Zeitungen von der Psychiatrie-Untersuchungskommission im Jahr 2008 gelesen, von der Historikerkommission zu den Wiener Kinderheimen im Jahr 2012 und von der Wilhelminenberg-Kommission, deren Bericht demnächst veröffentlicht wird. Über die Misshandlung der behinderten Kinder und Jugendlichen am Steinhof ist bislang wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Weiterlesen »

Gekuschelt wird nicht

Die Fußfesseldebatte stellt den liberalen Strafvollzug infrage. Wie hart müssen Gefängnisse sein? Eine Erkundung

„Schwere Körperverletzung“, sagt der Junge und schnalzt eine Spielkarte auf den Tisch. Er ist klein gewachsen, dunkelhaarig, kaum älter als 15 oder 16 Jahre, ein unscheinbarer Bursche im schwarzen Shirt.

Er sitzt hier, weil er einen Jugendlichen verprügelt hat. Es war keine harmlose Schulhofrauferei: 20-mal hat er seinem Opfer mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Er hat auch nicht aufgehört, als das Opfer wehrlos am Boden lag.

Wie soll man so einen Schläger bestrafen? Bei Wasser und Brot in Dunkelhaft? Der Staat hat anders entschieden. Der Bursche kann in der Jugendabteilung der Justizanstalt Leoben in einer schlichten, hellen Wohnküche sitzen und Karten spielen. Ist das Strafe genug? Weiterlesen »

Der lange Dienst des Doktor Jung

Wie lange kann ein Mensch arbeiten? Die Ärzte am AKH sind bis zu 49 Stunden im Einsatz. Sie retten Leben und brennen dabei aus. Eine Schicht mit einem Chirurgen

Wie gekreuzigt liegt der alte Mann auf dem OP-Bett, mit seitlich weggestreckten Armen, von der Hüfte abwärts mit einem Tuch bedeckt. Sein Bauch ist aufgebläht, der Darmdurchbruch 24 Stunden her, seine Überlebenschance beträgt zehn Prozent. Eine Ärztin bestreicht den Bauch des Mannes mit orangem Desinfektionsmittel, dann setzt Christoph Jung den ersten Schnitt.

Es ist 22.20 Uhr. Christoph Jung ist seit mehr als 15 Stunden im Einsatz. Um sieben Uhr morgens hat er zu arbeiten begonnen, erst am nächsten Tag, um 16.15 Uhr, wird Jung nach Hause gehen. 33 Stunden wird sein Dienst dauern.

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