Das größte Tabu im Leistungssport

Als junge Skirennfahrerin wurde Nicola Werdenigg von Funktionären und Teamkollegen vergewaltigt und bedrängt. Mehr als 40 Jahre schwieg sie – dann trat sie eine Lawine los

Zwei Mal wurde Nicola Werdenigg berühmt. Das erste Mal, als sie 1975 österreichische Meisterin in der Ski-Abfahrt wurde und 1976 Olympia-Vierte. Das zweite Mal, als sie im November 2017, auf dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte, in einer großen österreichischen Tageszeitung  über die Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen sprach, die sie und andere junge Skirennläufer*innen in den 1970er-Jahren durch Funktionäre und Mannschaftskollegen erleben mussten. Der Artikel schockierte die Skination Österreich, die Denkmale diverser Nationalhelden begannen zu wackeln. Und Werdenigg wurde zur Institution im Kampf gegen Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt im Sport.

Die Szenen, die sie schilderte, sind drastisch. Werdenigg erzählte vom Teamkollegen, Weiterlesen »

Ein Beinahe-Mord zu viel

Maria da Penha hat das in Brasilien wichtigste Gesetz für Frauen in die Wege geleitet: gegen häusliche Gewalt

Im Mai 1983, Maria da Penha war 38, wurde sie eines Morgens von einem Knall geweckt und konnte sich nicht mehr bewegen. Jemand hatte ihr in den Rücken geschossen. Ein Raubüberfall, unbekannte Täter, sagte ihr Mann. Später stellte sich heraus: Er hatte selbst abgedrückt. Vier Monate und zwei Operationen später kehrte Maria da Penha querschnittsgelähmt aus dem Krankenhaus zurück, und erneut versuchte ihr Mann, sie zu töten, diesmal durch einen Stromschlag beim Duschen – das Wasser in brasilianischen Duschen wird elektrisch erhitzt.

Hätte er Erfolg gehabt, wäre sie heute Teil einer traurigen Statistik: Von 1980 bis 2013 wurden in Brasilien 106 093 Frauen gewaltsam getötet, das sind im Schnitt 60 pro Woche, viele von Partnern oder Ex-Partnern. Viele, weil sie sich von ihnen trennen wollten. Auch Maria da Penha zögerte daher lange, ihren aggressiven Mann zu verlassen. Zumal die Täter zur Zeit ihrer Ehe nur selten im Gefängnis gelandet seien, erinnert sie sich: „Es wurde geurteilt, sie hätten aus Liebe den Verstand verloren.“

Nach dem zweiten Mordversuch jedoch fasste sie sich ein Herz: Weiterlesen »

„So was kann man mit uns Frauen nicht machen“

Jolanda Spiess-Hegglin galt als Hoffnung der Schweizer Grünen – bis sie in einen gigantischen Shitstorm geriet. Heute hilft sie anderen gegen den Hass im Netz

„Letzter Abschaum“, „sollte man an eine Wand stellen“: Das sind nur zwei der harmloseren Beschimpfungen, mit denen Internet-Trolle gegen Jolanda Spiess-Hegglin hetzten. Einen Strafantrag schreibt die 38-Jährige heute in Minuten. Etwa 200 hat sie bisher gestellt, gut die Hälfte an ihre „eigenen“ Hater, den Rest für andere Betroffene. Denn der Kampf gegen den Hass im Netz ist seit drei Jahren das Lebensthema der Schweizer Ex-Politikerin: Sie will andere vor dem schützen, was sie selbst durchgemacht hat.

Ende 2014 wachte die dreifache Mutter, damals Grünen-Abgeordnete im Schweizer Kanton Zug, nach einer Feier der lokalen Politprominenz mit Unterleibsschmerzen und ohne Erinnerung auf. Im Krankenhaus äußerte sie den Verdacht, sie sei mit K.O.-Tropfen betäubt und vergewaltigt worden; als möglichen Täter nannte sie den SVP-Politiker Markus Hürlimann. Die Klinik informierte die Polizei; kurz darauf berichtete die Boulevardzeitung „Blick“ über den Fall, mit Namen und Fotos der beiden.

Von da an gab es kein Halten mehr: Der Boulevard, aber auch seriöse Medien stürzten sich auf die Geschichte – und auf Spiess-Hegglin. Weiterlesen »

„Es mussten erst mal Frauen sterben“

Herzinfarkt kriegen nur Männer, und Mädchen sind wehleidiger als Jungs? Die Gendermedizinerin Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione erforscht,
wie Geschlechter-Stereotype der Heilung von Krankheiten im Weg stehen

Frau Dr. Oertelt-Prigione, Anfang des Jahres kam eine Studie der Universität Yale heraus. Für die sahen Versuchspersonen ein Video, in dem jemand einem kleinen Kind in den Finger sticht – der einen Hälfte wurde das Kind als Samuel präsentiert, der anderen Hälfte als Samantha …

SABINE OERTELT-PRIGIONE: … und die Erwachsenen nahmen Samanthas Schmerzen weniger ernst als Samuels.

Genau. Hat Sie das überrascht?

Nicht wirklich. Es zeigt die Stereotype, die unsere Gesellschaft prägen und damit auch die Medizin. Wir wissen zum Beispiel, dass Frauen bei unklaren Diagnosen häufiger zum Psychologen oder zur Psychiaterin geschickt werden als Männer. Das hat mit den Rollenbildern und Vorurteilen der Ärzte und Ärztinnen zu tun, aber auch mit der Art, wie Männer und Frauen kommunizieren und ihre Symptome beschreiben. In vielen Bereichen der Medizin gibt es aber auch tatsächlich biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Herzinfarkte äußern sich bei Frauen oft anders als bei Männern und werden deshalb später erkannt.

Auch Asthma wird bei Mädchen oft später diagnostiziert als bei Jungs. Umgekehrt wird bei Männern die Autoimmunerkrankung Lupus erythematodes später erkannt, weil ihre Haut sich nicht auf dieselbe Art verändert. Ein Grund dafür ist, dass wir Ärztinnen und Ärzte aus dem Medizinstudium gewisse Bilder mitnehmen ­– von Krankheiten und von den Menschen, die sie haben: Eine Autoimmunerkrankung etwa hat in den Lehrbüchern fast immer eine Frau, einen Herzinfarkt ein Mann. Und Osteoporose hat eine Frau nach der Menopause – dabei ist davon auch ungefähr jeder dritte Mann über 70 betroffen. Erst seit wir begonnen haben, spezifisch darauf zu achten, wie Krankheiten beim jeweils anderen Geschlecht aussehen, erkennen wir solche untypisch verlaufenden Erkrankungen überhaupt. Weiterlesen »