Jung und resigniert

Ungarns Jugendliche sind deprimiert. Die meisten werden am Sonntag nicht zur Wahl gehen. Sie stimmen lieber mit den Füßen ab – und wandern aus

Bericht: Ruth Eisenreich, Elisabeth Gamperl

“Vaterlandsverräter”, sagte die Tante zu Sebastian. Sie saßen am Esstisch, eine Familienfeier, gerade hatte der blonde Skandinavistik-Student mit der eckigen Brille von seinen Zukunftsplänen erzählt. Er wolle nach Dänemark gehen, wo seine Freundin schon lebte, sagte der 19-Jährige. Der erhoffte Zuspruch seiner Verwandten blieb aus. “Du wirst es dort so gut haben, dass du nie wieder in deine süße Heimat Ungarn zurückkehrst”, sagte die Tante. Wenn sich Sebastian, Sohn eines Deutschen und einer Ungarin, daran zurückerinnert, beginnt er wild zu gestikulieren, seine Stimme wird energischer. “Was soll ich denn tun? In Ungarn fehlt die Perspektive.”

Es ist ein Satz, den so oder ähnlich sehr viele junge Ungarn sagen. Sie sind frustriert und verärgert, so wie viele junge Menschen auf der ganzen Welt, aber so etwas wie ein “Occupy Budapest” oder ein “Ungarischer Frühling” ist weit und breit nicht in Sicht. Denn die Resignation der hiesigen Jugend, das Gefühl, sowieso nichts ändern zu können, geht tiefer. Ihre Ratlosigkeit ist so groß, dass ihr echter Protest nicht in den Sinn kommt. Read More »

Von Bukarest in den Stadtpark

In Wien sind immer mehr Obdachlose zu sehen. Ist die Armutseinwanderung aus dem Osten schuld?

Die Linzer Caritas hat ihre Türen geschlossen. Ab 1. November dürfen Menschen aus den osteuropäischen EU-Ländern nicht mehr in die “Wärmestube”, ein Tageszentrum für Obdachlose. Selbst Kinder sollen abgewiesen werden.

“Wir können einfach nicht mehr”, rechtfertigt die Leiterin Michaela Haunold diesen Schritt: Seit zwei Jahren steige die Zahl der Menschen aus den neuen EU-Ländern, die die Wärmestube aufsuchen, massiv. Auf 60 von der Landesregierung geförderte Plätze kämen oft 200 Besucher pro Tag. Alle anderen Linzer Einrichtungen würden Osteuropäer schon seit langem abweisen, und in der Wärmestube sei man “nur mehr damit beschäftigt, Eskalationen zu verhindern”. Read More »

Eine Nische ohne Paprika

Mit ihrem Kleinverlag wollen Zsóka und Paul Lendvai unbekannte ungarische Literatur auf Deutsch zugänglich machen

“Nein, Pali!“, ruft Zsóka Lendvai. “Das war eine dumme Idee!“ Bevor ihr Mann ausplaudert, welchen Namen sie ursprünglich für ihren Kleinverlag vorgeschlagen hat, sagt sie es doch lieber selbst: “Paprika Verlag“ wollte sie ihn nennen.

Ihr Mann Pali, das ist der bekannte Publizist und Osteuropaexperte Paul Lendvai. Er war gegen den Namen Paprika und hat sich durchgesetzt: Der Verlag, den Zsóka Lendvai gegründet hat, heißt jetzt Nischen Verlag. Und die Namensentscheidung war richtig, denn mit Paprika-Csárdás-Gulasch-Klischees haben die Werke, die der Nischen Verlag herausgibt, wenig zu tun. Read More »

Eine Art Nachruf

„Ein Rotwein und ein Mineral von draußen, Herr Porgesz? Die Karte brauchen Sie nicht, oder?“ Nein, nicht nötig. Die Schrift der Speisekarte ist zu klein für Jancsi Porgesz, da hilft auch keine Brille mehr. Aber das Angebot des Restaurants am Stadtrand von Wien hat er sowieso im Kopf. Das Hirschragout bitte, aber mit Petersilkartoffeln statt Serviettenknödeln, mit viel Saft und extra Brot. Geduldig notiert der Kellner die Sonderwünsche des langjährigen Stammgastes. Beinahe fünfzig Jahre ist es her, dass Porgesz zum ersten Mal hier war. Äußerlich hat er sich wenig verändert: Anzug, Pullunder, Krawatte, damals wie heute. Nur die große, eckige Brille mit dem dunklen Rahmen, die seine Erscheinung so lange prägte, ist verschwunden, und die Geheimratsecken haben sich zu einer Halbglatze ausgedehnt. Nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren kam Porgesz immer häufiger ins Restaurant, mittlerweile isst er täglich hier zu Mittag. Mit 91 Jahren sucht Porgesz keine Abwechslung mehr – davon hatte er in seinem Leben genug. Read More »

“Du bist jetzt das Alpenmädel!“

Die große Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi, 80, über Kommunismus, Adel, Machos und ihre Heimat

Interview: Ruth Eisenreich, Sibylle Hamann

Adelsspross, Flüchtlingskind, Chronikreporterin, Korrespondentin, Osteuropa-Expertin, Deutschlehrerin, Vermittlerin zwischen Kulturen: Barbara Coudenhove-Kalergis bewegtes Leben ist eng mit der mitteleuropäischen Zeitgeschichte und der des österreichischen Journalismus verknüpft. Zu ihrem 80. Geburtstag lud sie den Falter zum Interview. Read More »

“Das Wort ‘Jude’ wurde nie verwendet”

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur. Read More »

Von Köpfen und Herzen

Schenya schüttelt den Kopf. „Ich darf nicht mit Juden spielen“, sagt er. (…) „Wer sind Juden eigentlich?“, frage ich und streiche lustvoll über die nach Farben geordneten Buntstifte. „Ich glaube, ich hab sie mal im Fernsehen gesehen. Die singen und tanzen sehr lustig und haben so geschlitzte Augen, oder?“ Meine Mutter legt den Pinsel weg und setzt sich sehr gerade auf. „Nein, mein Schatz“, sagt sie bestimmt. „Juden, das sind wir.“

Nicht dass diese Entdeckung Mischka, die Protagonistin von Julya Rabinowichs autobiografisch gefärbten Debütroman Spaltkopf, besonders beeindrucken würde. Viel wichtiger für sie sind: ihre Familie und deren alte Geheimnisse, ihr Gefühl der Entwurzelung nach der überraschenden Flucht aus Russland, ihre Suche nach der eigenen Identität. In achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen und einem lapidaren Tonfall schildert Rabinowich das Leben Mischkas von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Read More »