„Behindert hieß, du bist nichts wert“

Wurden am Steinhof Kinder gequält? Der Kinderpsychiater Max Friedrich erinnert sich

Behinderte Kinder und Jugendliche, die den ganzen Tag in Netzbetten eingesperrt oder an ihren Betten angebunden sind und jahrelang nicht ins Freie kommen. Medikamente im Brei. Körperliche und seelische Brutalität. Davon berichtete im letzten Falter die Kinderkrankenschwester Elisabeth Pohl, die in den frühen 1980er-Jahren im Kinderpavillon am Steinhof arbeitete. Max Friedrich, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, spricht über die Situation behinderter Kinder in den 1980ern.Weiterlesen »

Die Schande von Pavillon 15

Noch in den 80er Jahren wurden am Ort der Nazi-Morde am Steinhof behinderte Kinder misshandelt. Eine Kinderkrankenschwester bricht ihr Schweigen

An ihrem ersten Arbeitstag wäre Elisabeth Pohl am liebsten davongelaufen. Es ist der 9. Dezember 1981, sieben Uhr früh, als die junge Frau in ihrem weißen Schwesternkittel ins Badezimmer von Pavillon 15 der Baumgartner Höhe tritt. Zehn Kinder liegen vor ihr, nackt, manche auf grünen Sportmatten, andere direkt auf den kalten Fliesen. Die Schwestern, Pohls neue Kolleginnen, heben die Kinder in die Badewanne und wieder heraus, trocknen sie mit einem Leintuch ab, stecken sie in blaue Latzhosen und binden ihnen die Arme an den Körper. Das Badewasser wechseln sie nur selten.

Elisabeth Pohl ist geblieben, fünf Jahre lang. Jetzt, drei Jahrzehnte später, erzählt sie erstmals von ihren Erlebnissen. Sie hat in den Zeitungen von der Psychiatrie-Untersuchungskommission im Jahr 2008 gelesen, von der Historikerkommission zu den Wiener Kinderheimen im Jahr 2012 und von der Wilhelminenberg-Kommission, deren Bericht demnächst veröffentlicht wird. Über die Misshandlung der behinderten Kinder und Jugendlichen am Steinhof ist bislang wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Weiterlesen »

Der Fall Placidus

Ein Jünger Hans Hermann Groërs stürzt sich vom Turm seines Klosters. 26 Jahre später fragt seine Schwester: Warum?

Festungsgleich liegt das Benediktinerstift Göttweig auf einem Hügel über der Wachau. Zuerst taucht ein gelber Zwiebelturm zwischen den Baumwipfeln auf, dann eine meterhohe Steinmauer. Von den Fenstern der Türme aus überblickt man Felder und Dörfer, die Donau schlängelt sich durch das Tal.

Aus einem dieser Fenster sprang vor 26 Jahren, am 2. Jänner 1986, ein junger Mann. Andreas Kubalek hieß er, mit Ordensnamen Frater Placidus. 22 Jahre alt, schwer depressiv, glühender Anhänger des pädophilen späteren Kardinals Hans Hermann Groër.

Ein Vierteljahrhundert später sitzt seine Stiefschwester Elisabeth Weidenthaler in einem Wiener Innenstadtcafé und spricht von gierigen Äbten, geheimen Konten und verschollenen Akten. Wer ihre Geschichte hört, der denkt unweigerlich an Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“.Weiterlesen »

„Das Wort ‚Jude‘ wurde nie verwendet“

In ihrem Debütroman „Spaltkopf“ erzählte Julya Rabinowich die Lebensgeschichte einer russisch-jüdischen Emigrantin in Wien. Gerade ist ihr zweites Buch, die „Herznovelle“, erschienen. Mit NU sprach Rabinowich über den Antisemitismus in Russland und ihre jüdische Identität.

NU: Frau Rabinowich, die Identität spielt eine wichtige Rolle in Ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Spaltkopf“. Das Judentum der Protagonistin kommt allerdings nur am Rande vor. Warum?

Rabinowich: Weil das für mich lange Zeit kein Thema gewesen ist. Es ist zwar unterschwellig total wirkend, aber eben sehr unterschwellig. Ich habe keine besonders firme jüdische Identität. Die Juden waren in Russland eine verfolgte Minderheit, die keinerlei Bräuche haben konnte; insofern war diese Identität hauptsächlich negativ besetzt. Es wurde auch das Wort „Jude“ nie verwendet. Was jetzt in Russland völlig anders wäre: Da gibt es Tendenzen dazu, in jeder Religion extrem zu werden – als Gegenreaktion auf die Religionsverbote und die erzwungene Personenverehrung der kommunistischen Diktatur.Weiterlesen »

Von Köpfen und Herzen

Schenya schüttelt den Kopf. „Ich darf nicht mit Juden spielen“, sagt er. (…) „Wer sind Juden eigentlich?“, frage ich und streiche lustvoll über die nach Farben geordneten Buntstifte. „Ich glaube, ich hab sie mal im Fernsehen gesehen. Die singen und tanzen sehr lustig und haben so geschlitzte Augen, oder?“ Meine Mutter legt den Pinsel weg und setzt sich sehr gerade auf. „Nein, mein Schatz“, sagt sie bestimmt. „Juden, das sind wir.“

Nicht dass diese Entdeckung Mischka, die Protagonistin von Julya Rabinowichs autobiografisch gefärbten Debütroman Spaltkopf, besonders beeindrucken würde. Viel wichtiger für sie sind: ihre Familie und deren alte Geheimnisse, ihr Gefühl der Entwurzelung nach der überraschenden Flucht aus Russland, ihre Suche nach der eigenen Identität. In achronologisch angeordneten, oft beinahe filmisch wirkenden Momentaufnahmen und einem lapidaren Tonfall schildert Rabinowich das Leben Mischkas von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter.Weiterlesen »