Der Goethehof von außen

Warum die Wiener so günstig wohnen können

Großstädte kämpfen mit steigenden Mieten. In Wien gibt es noch bezahlbare Wohnungen. Dank eines Konzepts, das vor 90 Jahren entstand, gehört heute ein Viertel aller Wohnungen der Stadt. Klingt gut – hat aber auch Nachteile

Der Goethehof ist ein Paradies. Zumindest muss er von hohen Mieten geplagten Münchnern, Hamburgern oder Londonern so vorkommen: 400 Euro pro Monat zahlt man in dieser Wohnanlage für eine 50-Quadratmeter-Wohnung, sieben U-Bahn-Minuten vom Wiener Stadtzentrum entfernt. Grünflächen, ein Spielplatz und Badesee gleich hinter dem Haus mit inklusive.

In München, Hamburg und Berlin steigen die Mietpreise kräftig, ebenso in anderen Großstädten. Auch in Wien – und dennoch kann man hier trotz einer rasant wachsenden Bevölkerung auch heute noch eine gut gelegene Wohnung für unter zehn Euro pro Quadratmeter finden. „Wien gilt international als Beispiel für einen funktionierenden Markt für günstigen Wohnraum“, sagt der Ökonom Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das hat die Stadt ihrer 90 Jahre alten Politik des sozialen Wohnbaus zu verdanken, die unter anderem den Goethehof hervorgebracht hat.

An einem Mittwochmorgen im Herbst strömt an der U-Bahn-Station Kaisermühlen eine Schar von Anzugmännern und Kostümfrauen zum Ausgang und nebenan die Treppen hoch. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 12.11.2016

Ein kurzer Traum von Freiheit

Vor 60 Jahren revoltierten die Ungarn gegen den Sowjetkommunismus, der Wiener Fotograf Erich Lessing setzte dem Aufstand mit seinen Bildern ein Denkmal. Besuch bei einem alten Herrn, der damals alle Illusionen verlor

Kurz nach halb zehn Uhr abends kippt Josef Stalin aus den Latschen. Demonstranten reißen die acht Meter hohe Bronzestatue des im März 1953 verstorbenen sowjetischen Diktators mit Lastwagen von ihrem Sockel auf dem Budapester Paradeplatz, nur die fast mannshohen Stiefel bleiben stehen. Es ist der 23. Oktober 1956. Einen kurzen historischen Moment lang sieht es vor exakt 60 Jahren so aus, als würde mit der Stalin-Statue auch die kommunistische Diktatur in Ungarn stürzen. Am Ende dieser historischen Tage sind viele Hundert Menschen tot und mit ihnen die Hoffnung auf ein neues Ungarn.

  Der Wiener Magnum-Fotograf Erich Lessing hat den Ungarnaufstand miterlebt und für die Nachwelt festgehalten. Lessing ist heute 93 Jahre alt, er wohnt am Rande von Wien, da, wo die Stadt schon bald in Wälder und Weinberge ausfranst. Eigentlich gibt Lessing keine Interviews mehr, er hört und geht nicht mehr allzu gut; aber seine Erzählungen vom Herbst 1956 sind so lebendig wie die hellwachen blauen Augen unter den buschigen Brauen in seinem runden Gesicht. „Lauter Amateure“ seien damals am Werk gewesen, sagt er – und trotzdem sei der Ungarnaufstand der Anfang vom Ende des Kommunismus gewesen, die erste Bruchstelle sozusagen in der Mauer, die 1989 einstürzen sollte. Weiterlesen auf sueddeutsche.de

Süddeutsche Zeitung, 22.10.2016

„Hauptsache, man hat die Behinderten nicht gesehen“

Bis in die 1980er-Jahre wurden in Wien behinderte Kinder gequält. Der Zeitzeuge und Psychiater Ernst Berger sucht nach Erklärungen

Behinderte Kinder wurden geschlagen, in Zwangsjacken gesteckt, mit Beruhigungsmitteln niedergespritzt, im eigenen Kot liegengelassen: Im Pavillon 15 am Steinhof, dem heutigen Otto-Wagner-Spital, war das bis in die 1980er-Jahre hinein Alltag. Nachdem die Krankenschwester Elisabeth Pohl im Falter von diesen Zuständen erzählt hatte, untersuchte eine Arbeitsgruppe der Stadt Wien die Vorwürfe. Doch ihr Untersuchungsbericht bleibt geheim. Der Kinderpsychiater Ernst Berger erklärt, wie es zu Situationen wie der im Pavillon 15 kommen konnte. Weiterlesen »

Geheimsache Steinhof

Noch in den 1980er-Jahren wurden in Wien behinderte Kinder misshandelt. Die Stadt dilettiert bei der Klärung schwerster Vorwürfe. Nun bricht eine zweite Krankenschwester ihr Schweigen

Recherche: Ruth Eisenreich, Florian Klenk

Transparenz hatte die rot-grüne Stadtregierung versprochen. Doch jetzt, wo es unangenehm wird, wird das Versprechen gebrochen. Der elf Seiten starke „Schlussbericht“ des städtischen Krankenanstaltenverbunds (KAV), betreffend die Behandlung behinderter Kinder am Steinhof, wird nicht veröffentlicht, zum Wohle der Patienten, wie es heißt.

Das ist eine Ausrede. In dem Endbericht sind gar keine persönlichen Patientendaten enthalten, wie der Falter recherchierte. Die Geheimniskrämerei schützt bloß die Interessen der Stadt Wien, die offenbar keine neue Debatte über Misshandlungen in städtischen Einrichtungen führen will. Weiterlesen »

Pavillon 15: keine Entschuldigung, keine Entschädigung

Bis in die 80er-Jahre wurden in Wiens Psychiatrie behinderte Kinder misshandelt. Ein Untersuchungsbericht dazu bleibt geheim

Die Akten und Zeitzeugengespräche schockierten sogar die Profis: „Ich war immer wieder erschüttert“, sagt Susanne Drapalik, Ärztin und Bereichsleiterin im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), über ihre Recherchen zum Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen in Wien von den 1960ern bis in die 1980er.

Es war im Mai 2013, da meldete sich die Krankenschwester Elisabeth Pohl beim Falter. Ab 1981 hatte sie im Pavillon 15 des heutigen Otto-Wagner-Spitals gearbeitet, wo 40 Jahre zuvor die Nazis 800 Kinder ermordet hatten, und grausige Missstände erlebt: Behinderte Kinder und Jugendliche wurden mit starken Medikamenten ruhig gestellt oder lagen den ganzen Tag, nackt und ohne Bettzeug, gefesselt in ihrem eigenen Kot und Erbrochenen. Manche kamen jahrelang nicht ins Freie. „Ich hab damals oft gedacht: Wenn ich gezwungen wäre, mein Kind hier abzugeben, ich würde es mit dem Polster ersticken“, sagte Pohl. Weiterlesen »