Bravo stirbt

Nach 45 Jahren wird der Rennbahn-Express eingestellt. Die Medienkrise trifft Teeniemagazine noch stärker als andere Zeitschriften. Ein Nachruf

Die „Bravo Hits“ gibt es heute auch auf iTunes, und die Heftbeilage ist keine Halskette, sondern ein Handyanhänger. Sonst hat sich wenig verändert: Klatsch und Tratsch über Stars, Kleidungstipps, Sexratschläge, Poster und eine Fotolovestory prägen das Teeniemagazin Bravo heute wie vor vielen Jahren.

Der größte Unterschied zwischen einem Bravo-Heft des 20. Jahrhunderts und einem von 2013 ist die Leserzahl. Von 1978 bis 1998 kaufte über eine Million Jugendliche regelmäßig das Bravo, im Jahr 1991 war mit durchschnittlich 1,49 Millionen verkauften Exemplaren der Höhepunkt erreicht. Heute wollen nur noch 246.000 Teenager die Tipps der Sexberater vom Dr.-Sommer-Team lesen und mit den Protagonisten der Fotolovestorys mitfiebern – das ist nur mehr ein Sechstel. Weiterlesen »

„Behindert hieß, du bist nichts wert“

Wurden am Steinhof Kinder gequält? Der Kinderpsychiater Max Friedrich erinnert sich

Behinderte Kinder und Jugendliche, die den ganzen Tag in Netzbetten eingesperrt oder an ihren Betten angebunden sind und jahrelang nicht ins Freie kommen. Medikamente im Brei. Körperliche und seelische Brutalität. Davon berichtete im letzten Falter die Kinderkrankenschwester Elisabeth Pohl, die in den frühen 1980er-Jahren im Kinderpavillon am Steinhof arbeitete. Max Friedrich, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Wiener Allgemeinen Krankenhaus, spricht über die Situation behinderter Kinder in den 1980ern.Weiterlesen »

Die Schande von Pavillon 15

Noch in den 80er Jahren wurden am Ort der Nazi-Morde am Steinhof behinderte Kinder misshandelt. Eine Kinderkrankenschwester bricht ihr Schweigen

An ihrem ersten Arbeitstag wäre Elisabeth Pohl am liebsten davongelaufen. Es ist der 9. Dezember 1981, sieben Uhr früh, als die junge Frau in ihrem weißen Schwesternkittel ins Badezimmer von Pavillon 15 der Baumgartner Höhe tritt. Zehn Kinder liegen vor ihr, nackt, manche auf grünen Sportmatten, andere direkt auf den kalten Fliesen. Die Schwestern, Pohls neue Kolleginnen, heben die Kinder in die Badewanne und wieder heraus, trocknen sie mit einem Leintuch ab, stecken sie in blaue Latzhosen und binden ihnen die Arme an den Körper. Das Badewasser wechseln sie nur selten.

Elisabeth Pohl ist geblieben, fünf Jahre lang. Jetzt, drei Jahrzehnte später, erzählt sie erstmals von ihren Erlebnissen. Sie hat in den Zeitungen von der Psychiatrie-Untersuchungskommission im Jahr 2008 gelesen, von der Historikerkommission zu den Wiener Kinderheimen im Jahr 2012 und von der Wilhelminenberg-Kommission, deren Bericht demnächst veröffentlicht wird. Über die Misshandlung der behinderten Kinder und Jugendlichen am Steinhof ist bislang wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Weiterlesen »

Lärm, Geplärr und ein paar Raufereien

Anrainer protestierten vor einem Jahr gegen die Eröffnung von Ute Bocks Flüchtlingsheim. Wie ist es heute?

Eine wütende Frauenstimme hallt durchs Treppenhaus. „Wenn der noch einmal so rausgeht, dann hol ich die Polizei“, flucht Ute Bock. „Der“ ist ein verwirrter Mann, der zuweilen in Unterhosen auf die Straße geht – der zurzeit schwierigste Klient der Flüchtlingshelferin. Er ist einer von 70 Flüchtlingen und Asylwerbern, die seit einem Jahr in der Zohmanngasse im zehnten Wiener Bezirk leben, im neuen alten Haus von Ute Bock.

Bis 1999 leitete Bock hier ein Gesellenheim, in dem sie schwierige Jugendliche betreute, darunter auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Nach einer Drogenrazzia, bei der Heimbewohner verhaftet wurden, wurde Bock suspendiert. Als sie Jahre später öffentlich machte, dass sie – inzwischen zur wichtigsten Flüchtlingshelferin der Nation avanciert – mit finanzieller Unterstützung des Bauunternehmers Hans Peter Haselsteiner zurückkehren würde, machten die Anrainer dagegen mobil. Unterstützt wurden sie von der FPÖ, die mit Stammtischen und hetzerischen Karikaturen Stimmung gegen sie machte.Weiterlesen »

Mariahilft

Die Gruft, der Jedmayer, das Aids Hilfe Haus: Die bekanntesten Sozialeinrichtungen der Stadt sind im sechsten Bezirk versammelt. Die Bezirksvorsteherin holt sie aktiv zu sich – zu schaden scheint ihr das nicht

Obdachlose. Drogensüchtige. Ex-Häftlinge. Punks. Aidskranke. Es sind Gruppen, denen die meisten Menschen im Alltag lieber nicht zu nahe kommen. „Gut, dass etwas gemacht wird“, denken viele, wenn eine neue Hilfseinrichtung geplant wird: „Aber bitte nicht vor meiner Haustür“.

„Nimby“ nennt man im englischsprachigen Raum diese Einstellung, „not in my backyard“. Sie wird zum Problem, wenn aus Angst vor aufgebrachten Anrainern kein Bürgermeister, kein Bezirksvorsteher Einrichtungen für Randgruppen aufnehmen will.

Auch in Wien versuchen die meisten Bezirksvorsteher, sich Problemgruppen vom Leib zu halten. Nur eine nicht: Renate Kaufmann, die rote Bezirksvorsteherin von Mariahilf.  Weiterlesen »