Die Ärzte im Blick

Schlampige Diagnosen, mangelnde Hygiene, schlecht ausgestattete Privatspitäler: Die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz stellt ihren neuen Jahresbericht vor

Visite: Ruth Eisenreich

Zum Beispiel Herr W., Aktenzeichen WPPA 219438/13. An einem Dienstagmittag im Februar 2013 bringt ihn die Rettung in die Notaufnahme eines Wiener Spitals. Er hat sich zu Hause auf zwei aufeinandergestapelte Sessel gestellt, ist heruntergefallen und hat nun Schmerzen im Bauch, im Arm, in der Schulter. Der Arzt stellt fest: Das linke Schulterblatt ist gebrochen.

Dass beim Sturz außerdem Herrn W.s Milz gerissen ist, bemerkt niemand. Nicht im ersten Spital, nicht im zweiten, in das Herr W. am selben Abend wegen anhaltender Schmerzen und starker Übelkeit fährt, und zunächst auch nicht im dritten, in dem er spätnachts auftaucht. Erst am nächsten Morgen um sieben Uhr wird bei Herrn W. ein Ultraschall gemacht, der Milzriss entdeckt, eine Notoperation eingeleitet. „Er war am Rande des Todes“, sagt Sigrid Pilz. Sie ist die Patientenanwältin der Stadt Wien. Weiterlesen »

Geliebter Landesvater, verhasster Despot

Der Auftritt des türkischen Premiers Erdoğan polarisiert. Wir haben einen Fan und eine Gegnerin begleitet

Doppelporträt: Rusen Timur Aksak, Ruth Eisenreich

Liebe ist ein großes Wort. Harun Caliskan verwendet es trotzdem, wenn er über Politik spricht: „Ich liebe Erdoğan“, sagt er. Seit Stunden steht Caliskan, 38, deshalb in der prallen Sonne vor der Albert-Schultz-Halle in Wien-Donaustadt. Er wartet auf den türkischen Ministerpräsidenten, seinen Helden.

Für Hülya Tektaş, 34, ist Erdoğan kein Held, sondern ein Despot. Deshalb steht sie zur gleichen Zeit knapp fünf Kilometer von Caliskan entfernt im kleinen Park am Praterstern. Auf dem gelben Rasen sammeln sich die Teilnehmer der Anti-Erdoğan-Demonstration, auf einer Bühne werden die Unterstützerorganisationen verlesen. Alevitische und kurdische Verbände sind dabei, die Kommunistische Partei der Türkei, die Sozialistische Jugend, die Linkswende.

Es ist Donnerstag vergangener Woche, 14.30 Uhr, und halb Wien steht im Zeichen des bevorstehenden Auftritts von Recep Tayyip Erdoğan. Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten füllt Titelseiten und TV-Diskussionen, bringt den Verkehr in Teilen der Stadt zum Erliegen und Politiker aller Parteien auf die Palme. Weiterlesen »

Syrienflüchtlinge: Mit dem Asylbescheid alleine ist es nicht getan – Kommentar

Super, dass die Republik Syrienflüchtlinge aktiv nach Österreich holt. Super, dass sie einigen hundert unter den Millionen Menschen, die aus dem Bürgerkriegsland geflohen sind und in dessen Nachbarstaaten festsitzen, eine Perspektive bietet, dass sie ihnen die gefährliche Reise über das Mittelmeer und das zermürbende Asylverfahren erspart.

Super, dass sie nach der 2013 verkündeten ersten „Humanitären Aktion“ für 500 Syrer (bis Ende Mai waren 361 angekommen) nun eine zweite für weitere 1000 startet. Und super, dass sie aus der Kritik am ersten Programm (siehe Falter 23/14) zumindest ein klitzekleines bisschen gelernt hat:Weiterlesen »

„Wien ist ja sehr beliebt bei vielen Oligarchen“

Der Politologe Anton Shekhovtsov über die Querverbindungen zwischen dem Kreml, der Eurasienbewegung und der FPÖ

Die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, der Chef der rechtsextremen bulgarischen Partei Ataka, Wolen Siderow, die Front-National-Abgeordneten Marion Maréchal-Le Pen und Aymeric Chauprade sowie Alexander Dugin, der Führer der rechten russischen Eurasischen Bewegung, die eine Art großrussisches Reich fordert: Sie alle trafen sich  am Samstag vor einer Woche bei einer geheimen Versammlung in Wien, wie die Schweizer Zeitung Tagesanzeiger herausfand. Der Rechtsextremismusforscher Anton Shekhovtsov erklärt die Hintergründe. Weiterlesen »

Spindis Liste

Die Regierung holt 1500 syrische Flüchtlinge nach Österreich. Aber die Auswahl ist intransparent, und die Neuankömmlinge werden sich selbst überlassen

Es war ein Frühlingstag im Jahr 2013, als Georg Ephraim auf seinem kleinen Acker in der syrischen Stadt Qamishli einer Gruppe bewaffneter Männer gegenüberstand. „Verschwinde“, sagten die Männer und entsicherten ihre Gewehre: „Das ist die letzte Warnung. Wenn du dich noch einmal hier blicken lässt, erschießen wir dich.“ Weiterlesen »